Freitag, Januar 29th, 2010 | Author: jean

Ich interessiere mich momentan ziemlich für Sprachen im Allgemeinen und bin kürzlich in der Schule (Man erinnere sich, ich besuche eine Abendschule um Realschulabschluss, sowie Fachabitur nachzuholen) an dem Punkt angekommen, wo ich die deutsche Sprache einfach hinterfragen musste, beziehungsweise Aspekte aus der dt. Rechtschreibung als unlogisch erachtet habe. Lehrer kommen hier häufig mit der Begründung “Ist einfach so” und zwei Freunde von mir meinten ebenfalls das liegt daran, dass Sprachen dynamisch sind. Wie auch immer, meine Lehrerin hat mir empfohlen mich an den Rat der dt. Rechtschreibung zu wenden. Das habe ich dann auch mit folgender eMail gemacht:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich schreibe Ihnen diese eMail, da Sie für Änderungen an der deutschen Rechtschreibung
zuständig sind und ich einige Vorschläge habe, die deutsche Rechtschreibung zu verbessern.
Ausserdem möchte ich einige Fälle in der deutschen Rechtschreibung mit dieser eMail
hinterfragen, um ein besseres Verständnis zu entwickeln.

Fangen wir bei "das" und "dass" an. Mir persönlich ist der genaue Unterschied der beiden
Wörter nicht geläufig, so weiss ich zwar, wann ich welches einsetzen muss, verstehe aber
nicht warum man nicht vereinfacht "das" für beides nutzt.  Sobald man "das" und "dass"
ausspricht wird klar, dass es sprachlich gesehen keinen Unterschied gibt. Ich schlage daher
vor, "dass" abzuschaffen. Weiterhin sehe ich ein Problem bei "Vase" und "Vogel". So
wären meiner Meinung nach "Wase" und "Fogel", auch wenn es seltsam aussieht, definitiv
logischer. Eine weitere Reihe an Beispielen bei denen der sprachliche und schriftliche
Unterschied zur Geltung kommen würde, wären: "vulgär", "video" oder auch "viele", "voll",
"vollends", "vokal", "votum". Worauf ich hinaus will ist, dass nicht klar ersichtlich ist,
warum manche Wörter mit einem V geschrieben werden, aber mit einem W gesprochen
werden. Andere mit einem V geschrieben werden aber nach einem F klingen. Natürlich
gilt dies auch für Wörter mit F: Foto beispielsweise ist ein sehr interessantes Wort in diesem
Zusammenhang, soweit mir bekannt sind zwei Formen möglich: Photo und Foto. Allerdings
kein Voto. Spreche ich Foto aus, klingt der F-Laut exakt wie der F-Laut bei Vogel.

Ich würde mich sehr über Rückmeldung freuen, gerne auch mit Erläuterungen, warum Sie
mit meinen Vorschlägen einverstanden, oder nicht einverstanden sind. Sofern erlaubt, würde
ich Ihre Antwort auch gerne im Deutschunterricht an der Abendrealschule, welche ich derzeit
besuche, meiner Deutschlehrerin zeigen.

Mit freundlichen Grüßen

Ich war sehr gespannt, ob es eine Antwort geben würde und umso begeisteter als diese heute eintraf. Natürlich möchte ich die Antwort niemandem vorenthalten und habe um Erlaubnis gebeten, diese in meinem Blog zu veröffentlichen. Nachdem ich die Erlaubnis erhalten habe, habe ich diesen Eintrag geschrieben. Nachfolgend die Antwort-eMail von Herrn Weber zu meinen Fragen:

Sehr geehrter Herr Bruenn,

zunächst einmal ist es erfreulich, dass sich so viele Menschen mit den
Aspekten der deutschen Rechtschreibung so intensiv auseinandersetzen und
dabei an einen Punkt gelangen, an dem scheinbar Selbstverständliches
hinterfragt werden muss.

Zur Unterscheidung von dass und das:

Tatsächlich handelt es sich hierbei um zwei ganz verschiedene Wortarten.
Während das einen Artikel oder ein Pronomen darstellt, wird dass
ausschließlich als Konjunktion zum Einleiten von Nebensätzen verwendet.
Offenbar werden beide Wörter gleich ausgesprochen, obwohl es in einigen
deutschen Regionen durchaus einen hörbaren Unterschied gibt, da hier der
Artikel mit längerem a als in der Konjunktion gesprochen wird. Dass
Grimm'sche Wörterbuch gibt übrigens an, dass die Unterscheidung seit
Mitte des 16. Jahrhunderts gemacht wurde und seitdem weitgehend
anerkannt ist. Ihr Vorschlag, die beiden Worte zusammenzulegen, ist
somit nicht neu, sondern gibt sogar den ursprünglichen Zustand wieder.
Es gab laut Grimm sogar Bestrebungen, auch das Pronomen mit einem,
damals noch gültigen, ß zu schreiben. Eine scheinbar gleiche Lautung
hebt den offensichtlichen Unterschied in den Wortarten und der daraus
resultierenden Verwendung jedoch nicht auf. Würden Artikel/Pronomen und
Konjunktion zusammengelegt, so wäre folgerichtig das der einzige
Artikel, der mit einer Konjunktion zusammenfiele -- der und die
hätten diese Entsprechung nicht. Für Lernende der deutschen Sprache wäre
diese Vermengung sicher auch nicht ganz trivial, wenn man an dann
gültige Beispielsätze denkt, die Artikel und Konjunktion nicht trennen:

Ich finde es gut, das der Baum hier steht.

Insbesondere bei einem Vergleich mit anderen europäischen Sprache täte
sich hier eine Eigenart des Deutschen auf, die grammatikalisch nur
schwer zu begründen wäre. Sie sehen also, dass eine Unterscheidung der
beiden Wortarten durchaus sinnvoll erscheint -- auch wenn man es mit
sehr ähnlichen Wörtern zu tun hat.

Es kommt hinzu, dass jede Sprache von den Sprachbenutzer eigens
mitgestaltet ist und daher nie ein starres System vorliegt. Das führt
aber im Umkehrschluss auch dazu, dass viele Eigenarten einer Sprache als
solche akzeptiert werden und bei der Verwendung keine Schwierigkeiten
bereiten, da sie über die Jahre der Sprachverwendung "gewachsen" sind
und von der Gemeinschaft der Sprachbenutzer aus den unterschiedlichsten
Gründen herausgebildet wurden.

Dies führt direkt zum nächsten Punkt Ihrer Anfrage. Sie hinterfragen
das, was in der Orthographie als "Laut-Buchstaben-Zuordnung" bekannt
ist. Natürlich ist gerade der Wechsel der Lautung für den Buchstaben
v, der als f (Vogel) und als v (Vase) ausgesprochen werden
kann, dabei augenscheinlich kompliziert. Die scheinbar willkürliche
Zuordnung hängt aber in den meisten Fällen mit der Wortherkunft
zusammen. Steht in Fremdwörtern ein v, so wird dies, gemäß §30 der
amtlichen Regelung, in der Regel als v ausgesprochen. Oftmals sind
aber einheimische Wörter, die man mit einer f-Schreibung erwarten würde,
ebenfalls mit v geschrieben. Ein Beispiel hierfür ist Vater, das
noch im Althochdeutschen fater geschrieben wurde und das im
Mittelhochdeutschen als vater auftauchte und auch heute im Englischen
als father existiert. In der Literatur ist die Tendenz belegt, dass
bei dem Phonem f am Wortanfang vor a, e, i, o ein v steht, während
f meist vor u, lr und r steht:

Freund
viel
voll
Vater usw.

Hierbei handelt es sich aber tatsächlich nur um eine Tendenz, die nicht
immer zutreffen muss.

Die Wechsel in solcherlei Schreibungen sind oft nicht mehr eindeutig zu
klären und gründen sich auf Konventionen der Gemeinschaft der
Sprachbenutzer, die sich vor anderen Schreibungen durchgesetzt haben.

Ich hoffe, dass ich, obwohl ich aus Zeitgründen natürlich nicht auf
jedes Beispiel eingehen konnte, die prinzipiellen Umstände klären
konnte. Bei Rückfragen stehe ich natürlich jederzeit zur Verfügung.

Mit den besten Grüßen aus Mannheim
Constantin Weber

Quellangabe: Constantin Weber, Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Rats für deutsche Rechtschreibung | Internetseite: http://www.rechtschreibrat.com/

Fand ich persönlich ziemlich interessant, indirekt ist es zwar immernoch ein “ist einfach so”, dennoch ist man hier auch auf die Entwicklung eingegangen und ich kann mit der Antwort definitiv mehr anfangen, als mit einem “ist einfach so”. In diesem Sinne: Wieder was gelernt, vielen Dank für die Antwort!

P.S: In einem Jahr hinterfrage ich dann nochmal, warum man im Deutschen 42 (Zwei (2) und Vierzig (40)) und im Englischen 42 (Fourty (40) Two (2)) sagt (Die Zahlen also genau umgedreht. Da wirkt das Englische richtig, das Deutsche falsch.) :-)

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2 Responses

  1. 1
    Michael (2 comments) 

    Schön, dass das geklärt wäre. :)

    Grüße,

    Michael

    Ps.: Hier ist ein Fehler in der Antwort: “Ich finde es gut, das der Baum hier steht.” Richtig ist es: “Ich finde es gut, dass der Baum hier steht.

  2. 2
    jean (12 comments) 

    Ich glaub, das war zur Verdeutlichung gemeint und beabsichtigt :)

    Aber ja. das und dass bleiben verwirrend :>

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